Wenn ein Torschütze sich als Autor versucht Philipp Lahm:
Der feine Unterschied. Wie man heute Spitzenfußballer wird.
München: Verlag Antje Kunstmann 2011

Auf dem Cover ein Bild, das die Herzen aller Schwiegermütter höher schlagen lässt. Im Vorwort lauter positive Ausdrücke wie Zivilcourage oder Spitzenfußballer. Aber dann folgt ein böses Foul.
Von Philipp Lahm hätte ich ein anderes Buch erwartet. Der Strahlemann der Bundesliga war nie dafür bekannt, dass er sich grob äußern würde. Er war als Fußballer durch und durch ein Gentleman, der lieber schweigt und genießt. Damit ist gemeint, dass er sich nicht wie der „Titan“ Oliver Kahn verhalten hat, der bei beinahe jedem Tor wie ein Löwe brüllte. Als ich das Buch von Lahm las, hätte ich mir leicht vorstellen können, es sei von Kahn. Die direkte Art alles zu sagen, weist eher auf eine Persönlichkeit hin, die wie seine ist.
Schon der Titel „Der feine Unterschied”, lässt Verwirrung aufkommen: Er bezieht sich nicht etwa darauf, wie man als junger Spieler in der Fußballwelt zurechtkommt, sondern wie man zu einem der besten Außenverteidiger der Welt bei der besten Mannschaft Deutschlands wird. Von dem sich in der Öffentlichkeit eher zurückhaltenden Kapitän der deutschen Nationalmannschaft sind solche Worte ungewohnt.
Zu den aufsehenerregendsten Absätzen zählen die, bei denen es um seine Trainer (natürlich nicht um die aktuellen) geht. Über Felix Magath schreibt er wie folgt: „Er lässt viele Spieler im Ungewissen, ob er auf sie setzt, und holt auf diese Weise das Maximum an Einsatz aus ihnen heraus. Für die Spieler ist das sehr anstrengend, und es kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo sie nicht mehr auf der Seite des Trainers stehen.“ Neben dieser Aussage verblasst die Tatsache, dass gerade dieser Trainer es war, der den Weg für Herrn Lahm geebnet hat, indem er ihn aus der Amateur-Liga holte.
Sein Verhältnis zu seinen Nationaltrainern ist immer problematisch gewesen. Ich hatte beinahe das Gefühl, als würde ich wieder das Buch von Dieter Bohlen lesen, wo er über seine Beziehungen zu seinen Ex-Frauen schrieb. Bei Rudi Völler bemängelt Lahm die fehlende Härte des Trainings. Oder war er selbst einfach anders, besaß er den Titel gebenden feinen Unterschied, der ihm das Training so erscheinen ließ, als „würden ein paar Kumpels miteinander in die Ferien fahren, um Fußball zu spielen“? Das Zweifeln an den Fähigkeiten seiner einstigen Trainer geht aber auch in der Verlängerung, im nächsten Teil des Buchs, weiter, denn sowohl Jürgen Klinsmann als auch Louis van Gaal bekommen von ihm herbe Kritik. Die Aussagen im Vorwort verlieren ihre Glaubwürdigkeit, denn es scheint so, als sei jener Satz „Ich spiele beim FC Bayern München, der besten Mannschaft Deutschlands” nur eine für den Moment günstige Aussage. Beim Lesen fällt es schwer, sich von der ständigen Kritik Lahms an seinen Trainern zu distanzieren. Es ist, als wollte man sich in der Natur erholen, aber die Stille wird durch ständiges Schwirren und Summen gestört. Insekten sind ein Teil der Natur, genau wie Kritik Teil einer Geschichte sein kann, aber das Maß ist entscheidend.
Philipp Lahms Buch „Der feine Unterschied. Wie man heute Spitzenfußballer wird“ ist alles in allem empfehlenswert, denn es beschreibt seinen Werdegang als Fußballer so, wie es kein anderer könnte. Die Abläufe der Spiele sind fesselnd, denn selbst Fans, die jedes Spiel live oder im Fernsehen mitverfolgten, bekommen einen ganz neuen Einblick. Das Buch hat jedoch keine Bestseller-Qualitäten. Ob die von ihm ungewohnte harte Kritik das überdecken wollte, um die Verkaufszahlen anzukurbeln, bleibt fraglich. Einen Gefallen hat er sich damit jedoch nicht getan, und er hat den feinen Unterscheid zwischen Professionalität und Ignoranz um einen Hauch überschritten.
/Zoltán Tóth/