Alles ist so ruhig, so still. Theißufer in der Nacht. Ich sollte nicht hier sein. Seit einer Woche ist er neben mir. Eine Woche lang habe ich denselben Traum, jede Nacht. Und jetzt sitze ich todstill am Ufer… schaue nur die Wellen an. Dann greift mich eine starke Hand und stößt mich ins Wasser. Alles ist so kalt und ruhig. Wie begann dieser einwöchige Albtraum?
Noch ein Tag allein. Noch eine Nacht allein. Ich brauche ihn. Ich will ihn. Wen? Egal! Ein Wunsch – ist es zu viel? Will ich zu viel? Jemanden, der neben mir liegt, mich umarmt … Ah, ich reibe meine tränenvollen Augen. Genug mit den depressiven Gedanken. Morgen muss ich früh aufstehen. Es wäre doch so schön, einmal nicht allein im Schlummer zu liegen. Komm zu mir! Komm zu mir, mein Herr! Ich werde deinen azurblauen Augen auch in die Hölle folgen, nur komm zu mir!
Kalt, es ist so kalt. Ich kann nicht atmen. Er ist da. Er zieht mich hart an sich. Ich höre das Knacken meiner Rippen. Ich speie Blut. Purpur im Wasser. Unirdisch schön. Während wir sinken, wird das Wasser immer dunkler, aber seine Augen … seine Augen strahlen wie Saphire. Er lacht mich lieb an und küsst mich zärtlich.
Als ich aufwache, huste ich Blut. Ich keuche wie jemand, der im Wasser ertrunken ist, aber jetzt zum Atmen kommt. Ich zittere und bin am ganzen Körper eiskalt. Ich hebe meine Hand vor meine Lippen. Ich muss ins Badezimmer gehen. Ich wasche meine Hände, mein Gesicht und spüle meinen Mund aus. Das Blut ist verschwunden. Als ich in den Spiegel sehe, kreische ich wie nie zuvor. Azurblaue Augen starren mich an. Ich sah ihn. Er war da. Aber jetzt bin ich allein – ganz allein. Es war nur ein Albtraum … oder? Der Spiegel ist in kleine Splitter zerbrochen. Ich gehe mit tappenden Schritten in die Küche und sinke auf einen Stuhl nieder. Meine Küche ist weiß und sicher. Die Lampe leuchtet alle Winkel des Raumes gut aus.
„Ich bin die Stimme aus der Nacht.“
„Was ist das?“
Bin ich total verrückt? Ich friere. Erst dieser unglaubliche Traum, dann der Spiegel und jetzt diese Stimme. Ich sollte weniger arbeiten. Bin ich ausgebrannt? Nein! Ich bin mir sicher, dass jemand da ist. Am nächsten Morgen während des Frühstücks scheint alles, als wäre es nur ein einfacher Albtraum gewesen … aber ich arbeite jetzt, ich bin doch plötzlich aufgewacht. Ich nehme mir ein paar Tage frei. Ja, das wird sicherlich helfen!
„Wie geht’s dir, Sweetheart? Deine Stimme war sehr schreckerfüllt am Telefon. Ist etwas passiert?“ Clay und sein amerikanischer Akzent bringen mich immer zum Lachen. Fast immer …
„Clay, glaubst du … glaubst du, dass das Überirdische existiert? Hast du schon mal gefühlt, dass jemand in einem leeren Raum neben dir steht? Eiskalte Hände um deinen Hals herum… Während des Schlafes schaut dich jemand im Bett an… schaut dich jemand im Bett an… Bin ich total verrückt? Mit Worten kann ich nicht beschreiben, wie schrecklich die sekundenlange Panik sein kann. Und dieser Traum … “
„Corinne, du bist meine Lieblingscousine, aber Arbeit spät in der Nacht ist schlecht für die Gesundheit. Ich sehe, dass dieses Etwas dich nicht in Ruhe lässt. Weißt du was? Schreib ein Tagebuch.“
„Ja, vielleicht mache ich das.“
„Sweetheart, ich muss weg, aber ruf mich an, wenn du mich brauchst.“
„Danke.“ Er küsst meine rechte Wange und geht weg. Mein Clay, er kommt immer zu spät, damit kann man sicherlich wissen, dass wir zu einer Familie gehören.
Wie fängt man an, ein Tagebuch zu schreiben? „Liebes Tagebuch…“ Nein, das ist so kindisch! Ich suche die Worte, aber finde sie nicht. Azurblaue Augen verfolgen mich. Ich bin nicht allein. Das kann doch nicht wahr sein. Habe ich ihn echt gesehen? War er echt da? Es ist wieder so kalt. Von unsichtbarer Hand wird das Papier Millimeter für Millimeter ausgerissen. Jemand streicht meine linke Wange – aber in demselben Moment fühle ich einen Schlag auf meiner rechten Wange. Er schreit mich wütend an. „Metze!“ Die azurblauen Augen strahlen vor Wut. Clay’s Kuss. Verdammt!
„Sei bitte nicht böse.“ Ich will ihn beruhigen … ich bin sicherlich verrückt. Ich probiere mich etwas zu beruhigen, das ist nicht da …
„Fremde Männer küssen dich!“
„Nein, er ist mein Cousin.“ Seine Wut verschwindet, es ist so, als ob sie nie existiert hätte. Nach einem starken Luftzug sehe ich den Herrn der azurblauen Augen. Seine milchweiße Haut ist voll mit Wunden und Narben. Pechschwarze Haare. Lang. Es ist sicherlich lang. Er ist in der Mitte meines Wohnzimmers. Er steht dominant und herrlich. Er weiß bestimmt, was ich fühle … und es gefällt Ihm sicherlich. Er kommt zu mir, küsst mich. Ich will mit ihm sein … in aller Ewigkeit.
Fünf Tage zuvor sah ich ihn zum ersten Mal. Ich weiß, dass er mich nicht allein gelassen hat, aber … Ich will ihn wieder sehen. Ich fühle jede Nacht seinen Körper, seine Berührung, sein Haar, das nach Vanille duftet. Aber er zeigt sich seit fünf Tagen nicht. Ich sitze am Theißufer. Ich habe Angst. Er ist auch hier. Er sitzt neben mir in der Sonne und schaut mich an. Er lächelt mich so nett und süß an … zu süß. Wenn ich neben mich blicke, sehe ich niemanden. Ich weiß, was mit mir passieren wird. Er sitzt ruhig neben mir. Ich fühle, wie er atmet – todeskalt, aber liebevoll. Wir warten auf den Sonnenuntergang. Wir sitzen bewegungslos bis eins in der Nacht. Ich stehe auf und gehe langsam zum Wasser. Wir werden zusammen sein. Seine starken Hände greifen mich an und stoßen mich ins
Wasser. Alles ist kalt und ruhig.
/Krisztina Zámbó/