Prof. Dr. Ulrich Ammon Der Sprachwissenschaftler in Szeged

Rubrik: Interviews

Prof. Dr. Ulrich Ammon, der namhafte deutsche
Sprachwissenschaftler, dessen Fachgebiete unter
anderem Soziolinguistik und Sprachsoziologie sind, hielt am
19. Oktober 2011 in Szeged zwei Vorträge mit den Titeln
„Die internationale Stellung der deutschen Sprache“ und
„Die nationale und regionale Variation der deutschen Sprache und das Variantenwörterbuch des Deutschen“.

Wir hatten die Gelegenheit, ein Interview mit ihm zu führen.
Hoffentlich gefällt Ihnen der Aufenthalt in Szeged.

Ich fühle mich hier sehr wohl. Vor ungefähr 20 Jahren war ich schon einmal in Szeged und habe zirka 17 Vorträge gehalten.

Was hat Sie eigentlich dazu bewogen, sich mit Sprachwissenschaft zu beschäftigen?

Die ursprüngliche Motivation war sicher, dass ich beobachtet habe, dass Menschen auf Grund ihrer Sprechweise Nachteile hatten, z. B. Dialektsprecher im schwäbischen Gebiet. Dort habe ich bemerkt, dass Schüler, die kein Standarddeutsch konnten, in der Schule benachteiligt wurden, die haben schon, wenn sie den Lehrer gehört haben, gemerkt, dass ihre eigene Sprechweise nicht die richtige war, und sie haben nicht gewagt, in der Klasse mitzureden, so wie hier diejenigen, die nicht so gut Deutsch können, vielleicht Angst haben, sich zu melden und etwas zu sagen. Sie haben später auch, wenn sie in der Schule nicht richtig Standarddeutsch gelernt hatten, Schwierigkeiten gehabt, sich in der Öffentlichkeit zu äußern. Wenn man nicht annähernd richtiges Standarddeutsch kann, wird man unter Umständen für seine Sprachweise ausgelacht. Das habe ich schon früh beobachtet. Später habe ich dann bemerkt, dass Personen, die nicht „die große Sprache“ sprechen, benachteiligt sein können. Heute sind im Grunde alle benachteiligt, die nicht Muttersprachler des Englischen sind. Darüber habe ich in den letzten Jahren viel geforscht: Inwiefern zum Beispiel Ungarn, Deutsche oder Franzosen in der internationalen Kommunikation benachteiligt sind gegenüber Amerikanern oder Briten beispielsweise Wissenschaftler bei Veröffentlichungen.
Diese Frage, welche Nachteile man hat auf Grund der Sprache, in der man aufgewachsen ist – also eigentlich der Muttersprache –, hat mich von jeher beschäftigt. Ein spezielles Problem ist, dass die Schweizer und Österreicher auch gewisse Nachteile in der internationalen Kommunikation haben, wenn auf Deutsch kommuniziert wird. Österreichische Lektoren hören nicht selten von Professoren für Deutsch als Fremdsprache, dass sie vielleicht nicht ganz richtiges Deutsch sprechen, nämlich das österreichische Deutsch. Solche Beobachtungen, finde ich, sind ein legitimes Motiv für die Beschäftigung mit diesem Thema.

Ist es für einen Deutschen, der Standarddeutsch spricht, wirklich so schwer, einen, der zum Beispiel Bairisch oder Schweizerisch spricht, zu verstehen?

Wenn ein Bayer oder Schweizer im normalen Sprechtempo seinen Dialekt spricht, ist das für andere schwer zu verstehen. Vor allem für Norddeutsche. Je weiter sie vom betreffenden Dialektgebiet entfernt leben, desto schwerer ist es. Aber andere Deutschsprachige verstehen natürlich den Schweizer, wenn er Hochdeutsch spricht.

Warum haben Sie gerade die Fachgebiete Soziolinguistik und Sprachsoziologie gewählt?

Ich wollte Themen erforschen und Probleme aufzeigen, die für die Menschen praktisch wichtig sind, und ihnen helfen diese Probleme zu lösen. Das war immer meine Vorstellung, dass ich Probleme untersuche, mit deren Lösungen man den Menschen wirklich hilft und mit denen man tatsächliche Schwierigkeiten im Leben erleichtern kann. Also nicht rein theoretische Gedankenspiele, die für das Sozialleben keine Rolle spielen.

Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Linguistik?

Schon seit fast 40 Jahren.

Was war die größte Herausforderung bei der Arbeit an dem Variantenwörterbuch? (Variantenwörterbuch des Deutschen – die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol, 2004)

Zum einen war es schwierig, die Artikelstruktur zu entwickeln, weil es ein solches Wörterbuch noch nicht gegeben hat. Es war wichtig, dass die Artikel so gestaltet wurden, dass man sie leicht versteht und dass sie auch möglichst kurz sind. Das Wörterbuch sollte natürlich auch preiswert werden.

Zum anderen war die Kooperation zwischen den verschiedenen Arbeitsgruppen schwierig, schon weil es so viele waren. Es gab nicht nur Arbeitsgruppen in der Schweiz, Österreich und Deutschland, sondern es waren auch einzelne Mitarbeiter in Lichtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Innerhalb von Deutschland waren an sechs Stellen noch Mithelfer, nicht nur in Essen und Duisburg, sondern verteilt auf verschiedene Regionen.

Was für einen Ratschlag könnten Sie denjenigen geben, die sich in Zukunft mit Sprachwissenschaft beschäftigen möchten?

Hm, schwierig… Es gibt sehr viele verschiedene Möglichkeiten. Wenn man eine Sprache als Fremdsprache lernt, – um nur ein Beispiel zu nennen, sollte man eine Zeitlang in dieses Land oder diese Länder gehen. Meistens gibt es ja Stipendien oder andere Möglichkeiten dafür. Dann kann man auch besser einschätzen, welche Vorteile es haben kann, die betreffende Sprache zu können. Wenn man zum Beispiel Deutsch spricht, kann man eine Zeit ang in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz studieren oder arbeiten. Wenn irgend möglich, sollte man eine Sprache mit dem Ziel lernen, auch dorthin zu gehen, wo sie alltäglich gesprochen wird.

 

/Zsuzsanna Fetter, Dóra Szopkó/